Achtung, Fälschung!

Mit gefälschten Medienmitteilungen rechnet kaum jemand. Auch nicht seitens der Medienstellen, wie eine nicht-repräsentative Umfrage der Autorin zeigt. Doch es ist wie in der Wissenschaft: Auch Nicht-Ergebnisse sollen publiziert werden. Denn zumindest hypothetisch könnten alle SKWJ-Mitgleider damit konfrontiert werden.

“Ein Anruf bestätigt den Verdacht: Die Medienmitteilung war gefälscht.”

Der Briefkopf stimmt, mitsamt dem Logo. Das Thema hat die Regionalredaktion der Schweizerischen Depeschenagentur sda schon mehrfach beschäftigt: Ein Streit zwischen einer Pensionskasse und den Mietern einer ihrer Liegenschaften, die totalsaniert werden soll. Die Medienmitteilung scheint von der Pensionskasse zu stammen und – nach langem Streit und viel Polemik – ein Einlenken zu verkünden. Das Dokument, das per E-Mail und Post an einem Montagvormittag im Mai beim sda Büro eingetrudelt ist, sieht ziemlich echt aus.

Der sda-Redaktor im Dienst wird dennoch stutzig. Als Auskunftsperson wird neben der üblichen Ansprechpartnerin auch ein Geschäftsführer genannt, der aber schon länger nicht mehr bei der Pensionskasse arbeitet. Ein Anruf bestätigt den Verdacht: Die Medienmitteilung war gefälscht.

Vorlagen gibt es reichlich

Zugegeben, der Fall hatte nichts mit Wissenschaft zu tun, es hätte aber theoretisch auch leicht eine der Forschungsinstitutionen der Schweiz treffen können. Pdfs der Medienmitteilungen sind meist einfach von den Websites abrufbar und liessen sich als Vorlage missbrauchen. Es gibt genug kontroverse Themen, zu denen Dritte ein gefälschtes Statement einer Institution verbreiten könnten, von den Affenversuchen an der Universität Zürich, über Klimawandel und die Diskussion rund um den Wolf bis hin zu angeblichen schwarzen Löchern am CERN.

Selbstverständlich liegt es an den Journalistinnen und Journalisten, mit wachem Auge auf kleine Unstimmigkeiten zu achten und insbesondere zu kontroversen Themen Rückfragen zu stellen. Andererseits: Wer rechnet schon mit gefälschten Medienmitteilungen?

Eine Umfrage des SKWJ bei den Akademien der Wissenschaften Schweiz, beim Schweizerischen Nationalfonds SNF, den ETHs Zürich und Lausanne, der Universität Zürich und dem CERN beantwortet diese Frage zumindest für die andere Seite: Die grösseren Institutionen im Bereich Forschung – vielleicht mit Ausnahme des CERN – scheinen sich bisher nicht wirklich mit der Möglichkeit der Fälschung ihrer Medienmitteilungen auseinandergesetzt zu haben. Sie verfolgen jedenfalls keine explizite Strategie, um derlei Fälschungen vorzubeugen.

Wirksame Absicherung?

Zwar geben die Akademien an, ein Newsletter-Tool für den Versand der Medienmitteilung zu verwenden, ob das die Kommunikation fälschungssicherer macht, bleibt jedoch fraglich. Vorausgesetzt Aussenstehende können sich Zugang zu einer E-Mail als Vorlage verschaffen – was übrigens für alle Institutionen gilt – liesse sich wohl auch ein E-Mail-Layout leicht kopieren.

Die Medienstelle der ETH Zürich gibt an, ohnehin nur noch wenig mit Medienmitteilungen zu arbeiten und mehr per direktem Kontakt an Medienschaffende zu kommunizieren. Ob das unter letzteren hinreichend bekannt ist, um gegen Fälschungen zu immunisieren, bleibt ebenfalls eine offene Frage.

SNF und Uni Zürich antworteten dem SKWJ, dass sie das Risiko einer gefälschten Medienmitteilung als gering einstufen und entsprechend bisher keine spezifische Absicherungsstrategie fahren. Der SNF habe bisher nie wegen Verletzung des Markenschutzes klagen müssen, hiess es auf Anfrage. Auch die EPFL kennt nur einzelne Fälle von unautorisierter Nutzung des Logos, in denen die Medienstelle mit den entsprechenden Personen Kontakt aufgenommen hatte.

Beobachten und schnell reagieren

In erster Linie setzen alle befragten Kommunikationsabteilungen aber auf Beobachtung der Online-Erwähnungen ihrer Institution und möglichst schnelle Reaktion auf Fake News.

Erwähnenswert ist hierbei die Strategie des CERN, das sich zwar bisher nicht mit gefälschten Medienmitteilungen herumschlagen musste, dafür aber regelmässig mit Verschwörungstheorien zu tun hat. „Wir beobachten die Medien und die Social Media und sind natürlich bereit zu reagieren, wenn es nötig wird“, schreibt CERN-Mediensprecher Arnaud Marsolier auf Anfrage.  Andererseits könne eine Reaktion wegen der Berühmtheit des CERN auch eine Verschwörungstheorie erst noch befeuern. Sein Team verfolge daher einen mehr Social Media basierten „Soft Approach“: Seit September 2015 gibt es unter dem Titel „CERN answers questions from social media“ ein Q&A auf der CERN-Website, das beliebte Elemente aus Verschwörungstheorien entmystifiziert.

So erklärt die Seite beispielsweise das CERN-Logo, in dem Anhänger solcher Theorien gerne das satanische „666“ wiederkennen, als in Wahrheit eine symbolhafte Darstellung von Teilchenbeschleunigern. Oder auf die Frage, warum auf dem CERN-Campus eine Statue von Shiva steht, der Hindu-Gottheit der Zerstörung: Ein Geschenk der indischen Regierung und auch ein Symbol für Lebenskraft.

Unaufgeregte Aufklärung

Zwar lassen sich wohl die hartgesottensten Verschwörungstheoretiker von den wenig aufregenden Erklärungen kaum beeindrucken, allerdings taucht die Seite in den Google-Suchen von misstrauischen Zeitgenossen auf und dürfte zumindest einige beruhigen, dass das CERN so bald kein Portal zur Hölle öffnen wird. Zudem lässt sich das Q&A jederzeit einfach erweitern, wenn wieder eine neue Theorie in den sozialen Medien ihre Bahnen zieht.

Wissenschaftsjournalismus und -kommunikation mögen eine angenehme Ecke in der Fake-News-geplagten Medienlandschaft sein, in der sich Verbreiter von Falschmeldungen bisher nicht herumgetrieben haben. Das Risiko wird so lange als gering eingeschätzt, bis es doch mal einen Fall gibt. Angesichts fehlender Strategien – und vielleicht auch Möglichkeiten – zur Vorbeugung seitens der Medienstellen, bleibt wohl den Journalistinnen und Journalisten nicht viel mehr als wachsam zu bleiben. Und sich Kontaktpersonen, Telefonnummern und Endungen von E-Mail-Adressen sehr genau anzuschauen.

 

Commentaires

  1. Rolf Guggenbühl

    Ich empfehle den Hochschulmedienstellen, ihre Medienmitteilungen durch eine verantwortliche Person mit deren Vornamen und Namen, evtl. auch noch mit Titel und Funktion inkl.Tel.Nr. und Mail-Adresse sichtbar zu signieren und nicht bloss mit dem unverbindlichen “Ihre Medienstelle” oder ähnlich zu unterschreiben. Rasche Rückfragen haben Vorrang vor der Befürchtung, es wolle sich jemand unverdientermassen profilieren….

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