Forschung für den Frieden

16 Klubmitglieder flogen Anfang Dezember für eine Studienreise nach Jordanien. Das stabile Königreich im konfliktreichen Nahen Osten trägt mit Millionen von Flüchtlingen eine enorme Last. Trotzdem setzt es mutig auf staatsüberschreitende Spitzenforschung, hat aber auch beträchtlichen Nachholbedarf in der Archäologie und Restaurierung seiner grandiosen historischen Stätten.

Jordanien? Und Wissenschaft? Man denkt an allerlei, wenn vom kleinen Land mitten im aktuellen Krisengeschüttel die Rede ist, aber nicht unbedingt an Themen, die einen Wissenschaftsjournalisten interessieren könnten. Dabei ist Jordanien in der ökonomischen Grundstruktur gar nicht so verschieden von der Schweiz. Kaum Bodenschätze, breite Mittelschicht, urbane Bevölkerungskonzentration, rural geprägtes Hinterland – man setzt im Königreich daher auch gern auf Bildung und Innovation. Bloss ist da ein entscheidender Unterschied, wie der Schweizer Archäologe Ueli Bellwald bei seinem Besuch im Hotel in Amman kurz und knapp meinte: Jordanien sei bankrott – eine Nation mit viel Potenzial, aber wenig Ressourcen, seit Jahren überfordert von den Aufgaben, die sie als sicherer Hafen in einer Krisen- und Kriegsregion aufgebürdet bekommt (6,6 Mio. Einwohner und 2,8 Mio. Flüchtlinge aus Palästina, Syrien und Irak).

Immer wieder hörte man es auf der Reise durch oftmals karge, ausgezehrte Landschaften: Der Boden hier wäre eigentlich sehr fruchtbar, wenn es nur genug Wasser gäbe. Die Wiege der Zivilisation war mal ein sehr viel grünerer Flecken Erde, während heute das Damoklesschwert „Wasserknappheit“ über fast allen Themenfeldern hängt, sei es die Situation am Toten Meer, die städtische Infrastruktur in der Hauptstadt Amman oder die als Unesco-Welterbe dekorierte Felsenstadt Petra. Aber das wurde erst allmählich deutlich, zunächst einmal startete die SKWJ-Reise ganz klassisch in einem Forschungsinstitut, mit knallharter Physik. Anlass der Expedition war nämlich die Einladung des Sesame-Projekts, eines Synchrotrons in der Nähe der Hauptstadt Amman, das bald seine Arbeit aufnehmen soll.

Teilchenphysiker als Friedensstifter? Soweit reicht der politische Einfluss der Wissenschaft wohl kaum, doch Sesame (ähnlich organisiert wie das Cern) könnte zur Völkerverständigung im Nahen Osten beitragen. So sieht es zumindest das Direktorium der 110-Millionen-Dollar-Forschungsanlage, sind doch unter den neun Mitgliedern auch heftig verfeindete Länder wie Israel und Iran. Sesame ist ein Teilchenbeschleuniger, der Elektronen mit quasi Lichtgeschwindigkeit im Kreis herumschiesst. Dabei lenken Magnete die elektrisch geladenen Partikel so ab, dass sie Synchrotronlicht aussenden (Einstein lässt grüssen). Die extrem gebündelte Strahlung (von Infrarot bis Röntgen) kann man für Experimente nutzen, z.B. für Strukturbestimmungen im Atom- oder Zellenbereich. Auch die Schweiz unterstützt Sesame, schenkt doch das Paul-Scherrer-Institut in Villigen seine ausrangierte Materialforschungs-Strahllinie dem jordanischen Schwester-Synchrotron. Und das PSI-Start-up Dectris spendiert ultraschnelle Röntgendetektoren.

Viel Zuversicht herrscht ebenso im „King Hussein Business Park“, wo derzeit über 30 Firmen, Organisationen und Start-up-Unternehmen niedergelassen sind. Grosse Namen wie Microsoft, Samsung oder Cisco hausen da neben unbekannten, innovativen Kleinfirmen, die beispielsweise Rezepte der arabischen Küche vertreiben, heimische Computerspiele entwickeln oder Zahnprothesen mit dem 3-D-Drucker erzeugen. Wir besuchten ausserdem die Risikokapital-Firma „Oasis 500“, die vor allem Jungfirmen für Finanz- und Umwelttechnologien (Abfallentsorgung) finanziell unterstützt. Der Business Park war ursprünglich fürs Militär gebaut worden, doch der König hat sich 2010 anders besonnen und stattdessen hier ein „Smart Business Ecosystem“ mit Ausstrahlung in den gesamten arabischen Raum und erheblichem Ausbaupotenzial geschaffen. In einem Königreich sind derart schnelle und grosszügige Entscheide eben möglich.

Um die Vielfalt Jordaniens kennenzulernen, muss man Amman verlassen. Ein dreitägiges Ausflugsprogramm führte zunächst ganz in den Süden des Landes, ins Wüstental Wadi Rum. Mond- oder Marslandschaft, man war sich nicht ganz einig. Jedenfalls ausserirdische Szenerien, durch die man von auf freundliche Weise gelangweilten Beduinen in ihren Pick-up-Trucks gefahren wurde. Eine riesige Gemüsefarm am Rand der Wüste hätte es beinahe auch noch aufs Programm geschafft, der Besuch liess sich dann aber nicht arrangieren. Dafür nutzte man den ganzen nächsten Tag in Petra, um in dieser archäologischen Wunderkammer umherzustreifen und sich tausend Fragen zu stellen, die, wie geplant, einer der kundigsten Experten weltweit direkt hätte beantworten sollen. Doch leider fehlte der Selfmade-Archäologe Ueli Bellwald vor Ort (er war kurzfristig verhindert), dafür stand er der Gruppe einen Tag später in Amman Red und Antwort. Seine Hauptarbeit hatte – natürlich – mit Wasser zu tun, bloss ging es da eigenartigerweise eher um ein Zuviel als ein Zuwenig: Bellwald sorgte dafür, dass das ausgeklügelte Hochwassernotsystem der Nabatäer (Beduinenstamm) wieder instand gestellt wurde, was nicht nur die Erosion des einzigartigen Kulturerbes vermindert, sondern auch ganz unmittelbar lebensrettend sein kann – noch in den 90ern war eine Reisegruppe nach starken Regenfällen in den engen Felsformationen vom Wasser überrascht worden und konnte sich nicht mehr retten.

Bellwald ist ein herrlich markiger Geschichtenerzähler in eigener Sache: Am dümmsten Ort, den man sich überhaupt vorstellen könne, hätten die alten Araber ihre Prachtstadt errichtet – weit und breit keine Quellen, also eigentlich in ständiger Wassernot, und im Falle von Regen dafür dauernd von Hochwasser bedroht, weil genau in eine wichtige Abflussrinne gebaut, in der sich viel Wasser des Umlands sammelt. Umso beeindruckender seien die „technischen Fähigkeiten“ der Nabatäer gewesen, die einerseits ein Dammsystem inklusive Notstollen gebaut und anderseits weitläufige Kanäle angelegt hätten, die das spärliche Wasser aus den Hügeln rund um die Stadt sammelten und ins Zentrum leiteten. Bellwald hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine zentrale Rolle dabei gespielt, diese Infrastruktur zu erforschen und vor allem wieder instand zu stellen – im Fall der Dämme eben nicht allein aus archäologischem Interesse: nun schützen sie die Stadt wieder wie vor 2000 Jahren. Noch gibt es viel zu tun, auch um den brach liegenden Tourismus anzukurbeln: Nur 2 Prozent von Petra sind gemäss Bellwald bisher ausgegraben, erst eben entdeckt wurde eine Weinproduktion mit mehreren Traubenpressen (1. Jh. v. Chr.).

Zum Schluss des Ausflugs konnte man sich dann noch vergewissern, dass das Tote Meer in ein paar Jahrzehnten wohl ganz und gar gestorben sein wird, wenn sich in der Wasserbewirtschaftung der umliegenden Länder nicht etwas Grundsätzliches ändert (und es könnte sich etwas ändern, wenn die Wasserleitung vom Roten zum Toten Meer gebaut würde – und eben in diesen Tagen gab die Regierung definitiv grünes Licht für die erste Bauetappe, die 2020 abgeschlossen sein soll). Am Strand konnten wir uns jedenfalls nicht nur im hochsalzigen Wasser in physikalischem Experimentieren üben, sondern auch mit eigenen Augen nachvollziehen, wie immer weitere Uferstücke freigelegt werden. Man kennt das von halbleeren Stauseen, bloss dass hier das Niveau nur eine Richtung kennt: ca. 1 Meter jährlich nach unten.

Noch einmal ging es für zwei Nächte zurück nach Amman, um zum Abschluss der Reise einen Eindruck von den Herausforderungen zu gewinnen, das dieses Land derzeit (und eigentlich schon seit Jahrzehnten) zu meistern hat. Die Hälfte der Gruppe erhielt die Gelegenheit, unter Deza-Führung das Flüchtlingscamp Azraq mit zurzeit 35‘000 Heimatvertriebenen im Nordosten Ammans zu besuchen. Dort helfen Schweizer Experten mit, das Trinkwassersystem von einem Provisorium zu einer festen Infrastruktur auszubauen. Man erfuhr in dem Zusammenhang nochmals eine Menge zur Wasserproblematik, zu sinkenden Grundwasserspiegeln und Wasser als ökonomischem wie politischem Faktor.

Die restliche Gruppe besuchte die German Jordanian University, wo ein visionäres Ausbildungsprojekt vorangetrieben wird: Hier studieren die ersten Städteplaner des Landes. Zwei von ihnen nahmen die Gruppe dann zusammen mit ihrer in Deutschland ausgebildeten Professorin mit auf eine etwas andere Stadttour, in ein vor noch nicht allzu langer Zeit heruntergekommenes Quartier, das vom Zustrom syrischer Flüchtlinge sichtbar profitiert hat und wieder zu einem belebten und beliebten Stadtteil voller Läden und Restaurants geworden ist. Ein seltsamer Ort zum Spazieren: gleichzeitig ganz nah an und weit weg von Krieg und Krisen. Eine passende Quintessenz für diese Reise und für dieses ungewöhnliche Land.

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