Wissenschaft auf die Ohren

Wenn die Australierin Wendy Zukerman darüber spricht, wie sinnvoll es ist, täglich Vitaminpräparate zu schlucken, oder ob Impfen sicher ist oder nicht, dann hören ihr jeweils 500‘000 Menschen zu.

Zukerman ist Host eines der erfolgreichsten amerikanischen Wissenschaftspodcasts. Er heisst «Science Vs» und ist ein Produkt der privaten Podcast-Produktionsfirma Gimlet Media. Das Konzept des aufwändig gestalteten Podcasts ist es, beim Volksglauben anzusetzen und diesem das Forschungswissen entgegenzusetzen: evidence-based, nah bei den Fakten, aber gleichzeitig unterhaltend und oft lustig. «Ich will nicht, dass die Hörerinnen und Hörer sich fühlen, als müssten sie Hausaufgaben erledigen», sagt Wendy Zukerman. Die quirlige Moderatorin testet die Themen ihres Podcasts gerne an Abendessen im Freundeskreis. Sie stürzt sich auf «Themen, über die alle eine Meinung haben, aber wenig darüber wissen». Themen wie Abtreibung oder E-Zigaretten zum Beispiel.

Ursprünglich entwickelte sie ihre Show bei der Australian Broadcasting Corporation, bis sie vom jungen US-Unternehmen Gimlet Media entdeckt wurde. Nun lebt Zukerman in New York. «In Australien musste ich alles allein machen. In New York arbeitet nun ein ganzes Team für meine Show. Das ist grossartig.» Fühlt sie sich durch ihre komfortable Situation auch mal unter Druck? «Ja, ich arbeite bei den besten Podcastern der Welt. Da will ich es mir nicht leisten, nicht perfekt zu sein.» Um sich selber beim Erzählen ihrer Geschichten fit zu halten, hört sie viel fremd. Und lässt sich inspirieren von anderen grossen Podcasts, wie Radiolab, Invisibilia oder – aus ihrem Heimatland Australien – Sum of all Parts.

Werbung und Fundraising

Wendy Zukerman trat am WCSJ in San Francisco in einer Session über Science Podcasting auf und hat dort quasi die Top Ten der Wissenschaftspodcasts vertreten. Der volle Saal in dieser Session ist ein Indiz, dass Podcasts auch in der Wissenschaftswelt keine Randerscheinung mehr sind, sondern – zumindest im englischsprachigen Raum – bereits ein Massenphänomen, und damit ein Markt. So sagte die Moderatorin der WCSJ-Session und Host des Ernährungspodcasts Gastropod, Cynthia Graber, nach eineinhalb Jahren Entwicklungsarbeit ohne Verdienst arbeite sie nun Vollzeit für ihren Podcast. Integrierte Werbung und ständiges Fundraising beim Publikum und bei Stiftungen finanzieren den Podcast.

Es erstaunt nicht, dass der englischsprachige Raum und die durch das Englische dominierte Wissenschaftswelt ein besonders fruchtbarer Boden für Science Podcasts sind. Die beste Übersicht bietet zurzeit eine Liste, die der britische Physiker und Podcastfan Lewis E. MacKenzie zusammengetragen hat. Sie enthält über 100 englischsprachige Wissenschaftspodcasts.

Ungefähr drei Viertel der Science Podcasts werden von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern oder Science-Fans produziert. Diese Podcasts sind zwar häufig inhaltlich kompetent, meist geradezu euphorisch, aber formal und technisch fallen sie nicht selten ab. Da bieten sich Shows wie Science Vs oder Gastropod, produziert von Journalistinnen mit langer Radioerfahrung, als wesentlich attraktivere Alternativen an.

Viel Spass, kein Verdienst

Wie viel Idealismus in nicht-englischsprachige Wissenschaftspodcasts gesteckt wird, hat an der WCSJ 2017 Antonio Martinez Ron demonstriert. Er ist einer der erfahrensten spanischen Wissenschaftsjournalisten und Radioreporter und hat mit einem Freund den Podcast «Catastrofe Ultravioleta» gegründet. «Wir wenden viele Stunden auf, haben viel Spass, aber verdienen nichts dabei», sagte Antonio Martinez Ron. Immerhin hat ihr Podcast rund 50‘000 Hörerinnen und Hörer, zehn Mal weniger als Science Vs. Mit einem Wissenschaftspodcast in einer anderen Sprache als in Englisch Geld zu machen, scheint derzeit kaum möglich zu sein.  Was auch heisst, dass ohne die Unterstützung durch Stiftungen oder Forschungsinstitutionen wenig Neues ausserhalb der USA entstehen wird.

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