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Wissenschaftliche Illustration – eine konstruierte Wirklichkeit


Wissenschaftliche Illustration ist niemals wahr. Die vermeintliche Wirklichkeitsnähe ist eine reine Konstruktion und das Produkt von unzähligen Abstraktionschritten. Von Niklaus Heeb.

Neben der zentralen wissenschaftlichen Aussage hat die wissenschaftliche Illustration aber auch einen künstlerisch Anspruch. Diese Kombination macht die wissenschaftliche Illustration beinahe zu einer ästhetischen Extremkletterei.

Wissenschaftler werden getrieben von Neugierde und dem Wunsch, das Erforschte und Verstandene zu vermitteln. Dennoch sind wissenschaftliche Abhandlungen dem Laien meist wenig zugänglich. Daran knüpft sich eine der zentralen Aufgaben des Wissenschaftsjournalisten: Die neu erforschten Erkenntnisse müssen in eine allgemein verständliche Sprache übersetzt und in einen weiteren Kontext gestellt werden. Eine ähnliche Bedeutung kommt dem wissenschaftlichen Illustrator zu. Seine Bilder und Zeichnungen vermitteln die Absichten und Erkenntnisse des Wissenschaftlers sehr direkt und können selbst komplexe Sachverhalte in überraschend leicht verständlicher Art kommunizieren. Tatsächlich ist die Zeichnung die einfachste und älteste Form der wissenschaftlichen Abbildung. Wer kennt nicht die Studien von da Vinci, die anatomischen Darstellungen von Vesal oder die Naturbilder von Dürrer, Linné oder Haeckel? Seit Urzeiten hat sich der Mensch der Zeichnung bedient, wenn er die Natur und seinen eigenen Platz in der Welt verstehen wollte. Illustrationen tragen wesentlich dazu bei, die Welt zu beschreiben, zu ordnen und zu untersuchen.

Transport von Ideen
In verschiedensten Bereichen der Wissenschaft sind wissenschaftliche Illustrationen ein unverzichtbares Informationsmittel: Die angehende Chirurgin schätzt die detaillierten Illustrationen im Anatomieatlas. Biologen bestimmen Tiere und Pflanzen anhand von Illustrationen im Bestimmungsschlüssel. Unvorstellbar wäre die Archäologie ohne die Zeichnungen der unzähligen Keramikscherben und der zeichnerischen Rekonstruktionen von Gefässen bis hin zu ganzen Burgen und Palästen. Für die Anthropologie aber auch die Paläontologie bilden Bilder vergangener Welten und Wesen das zentrale Lebenselixier. Aber auch in der Geschichtswissenschaft bis hin zur Zukunfts- und Klimaforschung sind Illustrationen wesentliche Transportmittel von Ideen und Erkenntnissen.

Sich ins Bild setzen
Wissenschaftliche Illustration ist primär ein Vektor der visuellen Kommunikation. Bereits für den Forschenden selbst ist das zeichnerische Festhalten seiner Ideen ein Mittel der Reflexion und Selbstbefragung. Der Prozess des Visualisierens fordert Entscheide und scheidet Gesichertes von Vagem. Das Entwickeln von Bildern steht in Wechselwirkung mit dem Denken in Bildern. Es ordnet und vernetzt Gedanken und legt den Boden für intuitive Einfälle. Lebensnotwendig sind wissenschaftliche Illustrationen in der Kommunikation zwischen Wissenschaftlern: Ohne Formen der Illustration wie Grafiken und Diagramme wären die meisten wissenschaftlichen Publikationen undenkbar. Im Weiteren können neue Erkenntnisse mittels Illustrationen in einen grösseren Kontext gestellt werden. Auch lassen sich Inhalte über Illustrationen leichter an ein interessiertes Laienpublikum vermitteln. Hier schliessen sich verwandte Felder der wissenschaftlichen Illustration an: der Bereich der Didaktik und die populärwissenschaftliche Illustration.

Realismus und Abstraktion
Verbreitet ist die Annahme, dass die wissenschaftliche Illustration die Wirklichkeit wahrheitsgetreu abbildet. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Die Darstellung ist grundlegend von Konstruktion und Künstlichkeit bestimmt. Die illusionistische Darstellungsweise und der hohe handwerkliche Vollendungsgrad machen zwar das Abgebildete unmittelbar erlebbar und suggerieren eine scheinbare Wahrheit. Eine wissenschaftliche Illustration ist jedoch primär die Summe zahlreicher Abstraktionsschritte. Klassisches Beispiel ist die Illustration eines Artenbestimmungsschlüssels. Nicht die variablen natürlichen Merkmale eines Tiers oder einer Pflanze sind von Interesse, sondern ein charakteristischer Modellfall wird gezeigt. Nur die zeichnerisch idealisierte und normierte Spezies erlaubt eine sinnvolle Zuordnung und Klassifizierung. Dreidimensionale Objekte und Prozesse müssen zeichnerisch auf einer zweidimensionalen Ebene umgesetzt werden. Dabei wird nicht nur die Räumlichkeit in illusionistischer Weise dargestellt, sondern meist wird auch das Raum- und Zeitkontinuum aufgebrochen. Das Resultat sind irreale Bilder, denen erstaunlich viel Glaube geschenkt wird: Der für den Chirurgen geschaffene Einblick in einen lebenden menschlichen Körper oder die gleichzeitige Darstellung von Wurzel, Spross, Knospe, Blüte, Frucht und reifen Samen an derselben Pflanze im selben Bild.

Jede wissenschaftliche Illustration ist eine Erfindung. Beobachtete Elemente werden ergänzt oder weggelassen. Das Abgebildete wird aus seiner natürlichen Umgebung entfernt und in einen nicht realen Leerraum oder in eine konstruierte Umgebung eingebracht. Details werden reduziert oder hervorgehoben oder neue nicht beobachtete Details werden hinzugefügt.

Manipulation des Betrachters
Gestalterische Mittel wie Lichtführung, Farbstimmung oder Schärfentiefe stehen dem Wissenschaftsillustrator zur freien Auswahl. Der Illustrator kann sich bezüglich aller bildgestalterischen Aspekte wie Format, Komposition oder technischer Umsetzung in einem gewissen Spielraum frei bewegen. Diese Aspekte beeinflussen sich gegenseitig und wirken auf den Inhalt und die Botschaft der Illustration ein. Verändert der Illustrator beispielsweise die Proportionen des Bildobjekts zum Hintergrund, ändert sich die Grössenwirkung des dargestellten Objektes und damit auch die Bildaussage. Der Illustrator benötigt daher eine klare Strategie der Bildgestaltung, um zur beabsichtigten Bildwirkung zu gelangen.

Die vollendete Illustration kommuniziert visuell mit dem Betrachter. Eine gelungene Bildgestaltung beeinflusst die Wahrnehmung des Betrachters. So kann beispielsweise seine Leserichtung und seine Aufmerksamkeit gelenkt werden. Der Illustrator trägt damit auch die Verantwortung, sich der Wirkung seiner Arbeit bewusst zu sein und deren Auswirkungen auf den Betrachter kritisch zu hinterfragen. Oftmals unterschätzt wird die Bedeutung der ästhetischen Qualität eines Bildes. Der Blick verweilt ungern auf einer Zeichnung, die gegen grundlegende ästhetische Regeln verstösst. Jedes Bild transportiert auch eine Stimmung, die sich auf die Bereitschaft des Betrachters auswirkt, die gebotene Information aufzunehmen. Während sich die Bildsprache der reinen Wissenschaftsillustration an gewisse Konventionen halten muss, stehen dem Illustrator für populärwissenschaftliche Darstellungen viele Türen zur innovativen Gestaltung offen. Hier muss eine Illustration in erster Linie das Interesse für ein Thema wecken und den Betrachter dazu verführen, wissenschaftliche Inhalte und neue Erkenntnisse genauer zu studieren.

Rekonstruierte Wirklichkeit
Die Rekonstruktion ist ein Spezialfall der wissenschaftlichen Illustration. Vergangene Welten und ausgestorbene Wesen werden anhand von Überresten wie zum Beispiel Ruinen, Relikten oder Fossilien der jeweiligen Zeit rekonstruiert. Weil sich eine Rekonstruktion oft auf sehr spärliche Belege abstützt, beeinflusst und verantwortet der Illustrator entscheidend den Inhalt und die Wirkung eines Bildes.

Wer sich daran macht, einem ausgestorbenen Wesen eine Gestalt zu geben, sollte die wissenschaftliche Unschärfe in die gestalterischen Entscheide einbeziehen. Zwei Arbeiten aus meinem Rekonstruktionsversuch von Oreopithecus bambolii, ein fossiler Primat, der vor zehn Millionen Jahren im Gebiet der heutigen Toskana lebte, veranschaulichen dies: Bereits die Nachbildung des Schädels von Oreopithecus beruht auf Interpretationen, denn die fossilierten Schädelknochen wurden über die Jahrmillionen verformt und zerdrückt. Umso schwieriger wird die Darstellung des Gesichts. Das Spiel mit Varianten ermöglicht auf anschauliche Art und Weise, den Interpretationsspielraum zu visualisieren. Über denselben rekonstruierten Schädel legte ich verschiedene Gesichtsmasken. In den Proportionen entsprechen sie denjenigen des Oreopithecus– die Gesichtsteile (wie Nasen, Ohren, Augen und Mundpartie) und das Haarkleid habe ich von heutigen Affen übernommen. Wir erhalten somit eine Orang-, Gorilla-, Schimpansen-, und Gibbonvariante von Oreopithecus. Tatsächlich entstehen vier von der Gestalt her völlig verschiedene Tiere, obwohl unter allen Gesichtern derselbe Schädel steckt. Dieses Spiel der Verkleidung lässt sich beliebig weiterführen. Es zeigt wie weit das Spektrum von Möglichkeiten ist, wie Oreopithecus ausgesehen haben könnte.

Annäherung ans Vergangene

Im Auftrag des Naturhistorischen Museum Bern habe ich die Rekonstruktion von Barry – des von Mythen umwobenen Bernhardinerhundes - zeichnerisch begleitet und mitgestaltet. Mit Skizzen und Studien sollte ich den neuen Erkenntnissen rund um Barry eine visuelle Form geben.

Am Anfang jeder Rekonstruktion steht die Recherche. Der Illustrator muss sich die wissenschaftlichen Grundlagen erarbeiten und sich geeignetes Bildmaterial beschaffen: Zeichnungen, Fotografien, Filme oder Modelle. Weiter müssen Informationen zur Anatomie mit Wissenschaftler und Präparator besprochen werden. Von Barry selber existieren weder Fotografien noch andere authentische Darstellungen. Wir kennen heute nur noch den Schädel und Teile seines Fellkleides. Ich als Zeichner stehe daher im Spannungsfeld zwischen den wissenschaftlichen Fakten und dem Ungewissen. Auch in diesem Falle führt die Kommunikation zwischen Bild und Betrachter über die reine Informationsvermittlung hinaus. Der Betrachter soll spüren, dass wir nicht alles so genau wissen. Er kann die Rekonstruktion Schritt für Schritt nachvollziehen und wird angeregt, das Bild des rekonstruierten Tieres selbstständig zu vervollständigen.

Eine weitere Absicht besteht darin, die Prozesshaftigkeit einer Rekonstruktion zu visualisieren. Jede Rekonstruktion zeigt nur den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung. Doch die Wissenschaft überholt sich dauernd selbst und mit jeder neuen Erkenntnis nähert sich die Nachbildung stufenweise der Realität der Vergangenheit an. Eine neue Rekonstruktion wird aber niemals richtig, sondern nur wahrscheinlicher.

Das Bild entsteht im Kopf

Als Basis der zeichnerischen Rekonstruktion dienen Studien des Schädels. In der wenig plastischen Seitenansicht sind die Proportionen klar ablesbar. Mit dieser Darstellungsweise lassen sich sehr viele Informationen vermitteln – analog einer Planzeichnung eines Architekten. Die Rekonstruktion des Kopfes erfolgt auf einer zweiten zeichnerischen Ebene. Die spekulativere Form der Weichteile, der Haut und des Haarkleids wird auf die Schädelzeichnung aufgebaut. Die Schädelform ist mit scharfen Konturen gezeichnet.

Gesichtsumrisse und Gesichtsteile sind freier interpretierbar. Damit wird die Darstellung komplexer, die Illustration gewinnt an Tiefe, das Objekt erhält Volumen, der Körper kann vom Licht modelliert werden und das Licht lässt Oberflächenstrukturen erscheinen. Aber Achtung! Die Gefahr besteht, ein beliebig nettes Hundeportrait zu schaffen: Der Barry, wie er mit treuherzigen Augen aus dem Bildrahmen blickt, sich mit der Zunge die Nase befeuchtet und vorwitzig behauptet: «Ich bin’s!» So weit sollte die Wiederherstellung des Verlorenen nicht gehen. Denn in Wahrheit kennen wir nur den Schädel, der bis zuletzt unter dem Portrait stehen bleibt.

Der Betrachter schaut also in eine Art Vexierbild. Er kann vom Schädel auf das Gesicht springen und wieder zurück. Dabei entsteht ein Spielraum, in welchem der Betrachter seine eigenen Ideen einbringen kann: Die Rekonstruktion vollendet sich in seinem Kopf.

Niklaus Heeb ist freier wissenschaftlicher Illustrator und Biologe in Basel, Klingentalgraben 15, 4057 Basel, atelier@niklaus-heeb.ch, Homepage Niklaus Heeb

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