Wie schreibt man ein Buch?

05.12.2017
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Recherchierfonds SKWJ
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Die Idee …

… kam mir am Dienstpult des «Tages-Anzeigers» bei der Suche nach Kurzmeldungen. Nebst all den Studien habe ich dort allwöchentlich besonders gern skurrile medizinische Fallberichte in Kürzestform vermeldet. Und fand je länger, je mehr, dass sie unterverkauft sind und ich daraus gern ein Buch machen möchte.

Der Zufall …

… kommt zu Hilfe, als der Chefredaktor wechselt. Der neue Chef möchte gern eine medizinische Kolumne im Blatt, ich schlage ihm die «skurrilen Fallgeschichten» vor. Die Idee mit dem Buch gefällt ihm. Wir einigen uns auf einen Monat unbezahlte Ferien und einen Monat bezahlte Zeit zum Schreiben.

Das Konzept …

«Schreib ein Konzept und überlege, zu welchem Verlag das Buch passt», lautet der Tipp des erfahrenen Kulturredaktors, den ich um Rat frage. Mein spontaner Favorit ist der Eichborn Verlag. Ziemlich unbescheiden schicke ich Eichborn und zwei weiteren grossen Verlagen das Konzept und zehn Fallgeschichten als Beispiele. Zwei der drei Verlage zeigen Interesse, zu meiner Freude auch Eichborn. «Eichborn?», fragt eine Kulturredaktorin und zieht die Augenbrauen hoch, «der soll gerüchteweise fast pleite sein».

Das Glück …

Eichborn hat gerade eine «Lücke im Programm» und kann das Buch in wenigen Monaten herausbringen. Ich recherchiere und schreibe zwei Monate lang fast rund um die Uhr. Über die Jahre habe ich viele ungewöhnliche Fallberichte gesammelt, was mir jetzt sehr zugute kommt.

Die Hilfe …

… die ich von vielen Seiten erfahre, ist grossartig. Mein früherer Rechtsmedizin-Professor steuert Fälle bei, an die ich mich noch aus seiner Vorlesung erinnere. Ein Seniorarzt in Schottland steigt auf seinen Estrich, um Zeitungsausschnitte aus den 1960er-Jahren für mich zu scannen. Mit Ausnahme eines Professors sind alle Ärzte und Wissenschaftler, die ich um Hintergrundinformationen erbitte, sehr auskunfts- und hilfsbereit.

Die Verhandlung …

… mit dem Chefredaktor wird schwieriger als erwartet. Ich brauche von ihm die Unterschrift, dass die Rechte für die Texte bei mir liegen, sonst kann ich sie dem Buchverlag nicht abtreten. Der Chef möchte die Fallgeschichten verständlicherweise zuerst in der Zeitung sehen, bevor sie als Buch herauskommen. Eichborn aber will das Buch schnellstmöglich herausbringen, wegen der «Lücke im Programm». Die Lösung: Einige Geschichten werden vorher in der Zeitung abgedruckt, andere erscheinen zuerst in Buchform.

Der Vertrag …

… mit dem Buchverlag ist ein umfassendes Dokument. Ich trete praktisch alle Rechte ab, inklusive der Theateraufführung – eine Vorstellung, die mich amüsiert. Als Unerfahrene verhandle ich beim Honorar nicht, sondern unterschreibe.

Die Qual …

… beginnt, als das Manuskript – von mir aus gesehen – fertig ist. Jetzt ist die Lektorin am Zug. Überall, wo ich mich mit einer vagen Formulierung durchmogeln wollte, weil ich etwas nicht genau wusste, will sie alles genau erklärt haben. Das Manuskript geht etliche Male hin und her. Ausserdem möchte der Verlag Überleitungen von einer Geschichte zur nächsten, die ich mir teilweise aus den Fingern sauge und mit denen ich unzufrieden bin.

Die Hektik …

… bricht aus, als ich zufällig ein Stelleninserat sehe, auf das ich seit Jahren gewartet habe. Ich bekomme die Stelle und soll am besten sofort anfangen, bin aber noch beim «Tages-Anzeiger» verpflichtet und muss das Buch fertig stellen.

Die Überraschung …

… ist gross, als Wochen vor dem offiziellen Erscheinungstermin ein Paket eintrifft: Mein Buch! Es wird kein Best- aber ein Longseller: Gut 15’000 verkaufte Exemplare sind es bisher. Dazu tragen der Buchverlag und mehrere Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen bei, welche die Geschichten gratis zum Abdruck erhalten. 2012 trifft das nächste Paket ein: Die Taschenbuchausgabe in der «Weltsprache Polnisch», wie eine Kollegin spottet.

Der Verdienst …

Wer richtig verdienen will, schreibt besser kein Buch, jedenfalls kein solches. Mitte 2011 geht der Eichborn Verlag tatsächlich pleite, ich bekomme ein Formular des Insolvenzverwalters zum Ausfüllen. Glücklicherweise übernimmt der Bastei Lübbe Verlag Eichborn und überweist meinen Anteil an den Verkäufen weiterhin.

Der Vorsatz …

Nie wieder schreibe ich in nur zwei Monaten ein Buch, nehme ich mir vor, als der Stress vorüber ist. Das Problem: Das Honorar für den Folgeband reicht nicht mal für zwei Monate Arbeitszeit. Deshalb frage ich beim SKWJ für einen Zustupf aus dem Recherchierfonds an – und bedanke mich hiermit ganz herzlich!

Martina Frei

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